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UMBAU
Auftragskomposition MARKUS FLÜCKIGER

Donnerstag 10. November 2016 | 20 Uhr | Kunstraum Walcheturm Zürich
Freitag 11. November 2016 | 20 Uhr | Neubad Luzern
Samstag 12. November 2016 | 20 Uhr | N.N. Schwyz
Sonntag 13. November 2016 | 18.30 Uhr | Chollerhalle Zug

Roman Ledenjov (*1930) Notturni (1968)
Edison Denisov (1929-1996)
Sextett (1984)
Markus Flückiger (*1969)
Neues Werk (UA)
Gavriil Popov (1904-1972)
Kammersymphonie Op. 2 (1927)

N.N. Schauspieler/in, Autor/in
literarischer Bezug/Interpretation UMBAU (russ. Perestroika)

Im 1990 von den Musikforschern Hermann Danuser, Hannelore Gerlach und Jürgen Köchel herausgegebenen Buch «Sowjetische Musik im Licht der Perestroika» tauchen Namen von Komponisten auf, die im Westen nahezu unbekannt waren und es auch ein Vierteljahrhundert später nach wie vor sind. Einer von ihnen ist der 1930 geborene und in Moskau lebende Roman Ledenjov, der in genanntem Buch wegen seinen Zyklen für Kammerensembles – um einen solchen handelt es sich bei den «Notturni» – besprochen wird. «Die malerische Programmhaftigkeit, wie sie sich in der russischen Musik vielfach in der Sinfonik wie im Klavierstück niederschlug (…), spiegelt sich bei Ledenjov auf ganz eigene Art wieder. Der Komponist fasst die programmusikalische Miniatur nicht einfach als poetisch-farbenprächtige Zeichnung auf, vielmehr sättigt er sie mit gedanklicher Ausdruckskraft, Tiefe, ja selbst philosophischer Haltung. Roman Ledenjovs Miniaturen-Zyklen sind wie ein Strom ins Gedächtnis eingeprägter Augenblicke, kaum merklicher Stimmungen, flüchtiger Skizzen. Die Verschiedenheit der Klangfarben in der Besetzung, der individuelle Charakter jedes Instruments bestimmt die besondere Rolle, die der räumlich-akustische Aspekt in den Werken für Solistenensemble spielt. Jedes Instrument mit individueller, besonderer Klangfarbencharakteristik ist wie in eine nur ihm eigene Ton- und Klangfarbensphäre eingeschlossen, deren Wechselbeziehung ein spezifisches räumliches Volumen für den Gesamtklang des Ensembles schafft. Von hier aus resultiert eines der besonderen Kennzeichen des Ensembleraums: seine Mehrdimensionalität, seine Gleichgültigkeit gegenüber einem einheitlichen Masssystem.»
Ein anderer, im Westen kaum bekannter Name, ist Gawriil Popov. Er ist eine Generation älter als Ledenjov, und seine Kammersymphonie stammt aus den 1920er Jahren, die auch in der Sowjetunion eine Epoche von phantastischen künstlerischen Experimenten waren – Experimente, die auch im heutigen Kontext noch absolut modern wirken. Popov wird im besagten Buch im Kapitel «Von der Struktur zum Symbol» besprochen, wobei es um Komponisten geht, die an das Werk und die Weltanschauung des 1915 verstorbenen Alexander Skrjabin anschliessen. «In der Musik der zwanziger Jahre wurden die einfachsten Elemente der Sprache abgesondert und erweitert. Sie werden in plakativer, beinahe theatralisch zugespitzter Weise dargeboten. Die Rolle der szenischen Sichtbarkeit gewinnt in der Musik an Einfluss. Ein elementarer, sich wiederholender Rhythmus, ein einfacher Dreiklang und ein einzelner, lang ausgehaltener Ton sind die Hauptfiguren des Werkes. Sie stehen in derselben Bedeutungsreihe wie die geometrischen Figuren Malewitschs und Kandinskys. Sie sind sozusagen sie Wurzeln, die primären Grundlagen der Sprache, das Fundament der Kultur und des genetischen Gedächtnisses der Menschheit. ‚Selbst wenn die Form völlig abstrakt ist und der geometrischen ähnelt, hat sie doch ihren Klang und stellt ein geistiges Wesen dar’, schrieb Kandinsky in seiner Abhandlung ‚Über das Geistige in der Kunst’. So tritt in den Werken Schostakowitschs wie eine Hauptfigur ein konstantes Symbol hervor – ein sich wiederholender periodischer Rhythmus; in Gawriil Popovs Kammersymphonie (Septett) spielt C-Dur eine grosse Rolle, wie das Symbol eines erzielten Resultates, einer finalen Klarheit, der ‚weiten Welt’; in Mossolows weithin bekanntem Stück ‚Die Eisengiesserei’ bildet ein mechanischer Ostinato-Rhythmus die Hauptfigur.»
Der Fall beim dritten Namen – Edison Denisov – liegt anders: er gehört zusammen mit Sofia Gubaidulina und Alfred Schnittke zur Schülergeneration von Dmitri Schostakowitsch und hat auch im Westen Karriere gemacht. Eine seiner favorisierten Wirkungsstätten war Luzern, wo er in den 1980er und 90er Jahren wiederholt Meisterkurse für Komposition abhielt. Sein Schaffen wird im Zusammenhang mit «Polystilistik und Monostilistik in der sowjetischen Musik der achziger Jahre» – die Rede ist immer noch von ‚Sowjetische Musik im Licht der Perestroika‘ – besprochen: in allen wichtigen Werken aus dieser Zeit (das Sextett ist eines von ihnen) bediene sich Denisov «eines bestimmten Fonds an thematischem Material, das sich hauptsächlich auf eine aus aneinandergereihten Sekundumspielungen gebildete ‚unendliche Melodie’ gründet. Die leitmotivische Tonfolge geht auf die Kombination der Buchstaben seines Monogramms (E-D-S) zurück und ist zugleich ein traditionsbehafteter Lyrismus.» Der musikalische Gehalt offenbare sich  in jedem Werk «dank der diffizilen total polyphonen Kompositionstechnik Denisovs auf neue Weise. Jedes thematische, jedes rhythmische und jedes klangfarbliche Detail ist bis ins feinste ausgearbeitet, und die intensive polyrhythmische Verflechtung der linearen Bewegungen schafft ein sich ständig veränderndes, ‚atmendes’ Gewebe, das von innerer Erregung gleichsam vibriert.»In das Programm werden Texte zum Thema Umbau (russisch: Perestroika) eingeflochten. Das Publikum wird neben der musikalischen Umsetzung eine weitere Ebene beziehungsweise weitere Anregungen und Denkansätze zum Programmtitel erhalten.

 

Julianna Wetzel Flöte | Peter Vögeli Oboe | Nicola Katz Klarinette | Patricia Pazos Pintor Fagott | Martin Huber Horn | Valentin François Trompete | David Sontòn Caflisch Violine | Claudia Kienzler Violine | Markus Wieser Viola | Felix Schüeli Violoncello | Kaspar Wirz Kontrabass | Andreas Brenner Leitung

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KUNST DER FUGE

Sonntag 18. Dezember 2016 | 18.30 Uhr | Matthäuskirche Luzern

Johann Sebastian Bach (1685-1750) Die Kunst der Fuge in der Bearbeitung für Ensemble von Jan van Vlijmen (2001)

Das Ensemble Montaigne wird ab 2016 folgende ungewöhnliche Konzertform einführen: alljährlich am 4. Adventssonntag versammeln sich die Musikerinnen und Musiker in einer Schweizer Stadt zur Aufführung von Johann Sebastian Bachs monumentalem Werk «Die Kunst der Fuge» – im Sinne einer Art Meditation. Meditation bezieht sich hier auf zwei Ebenen: im Grossen ist damit der Zyklus der Jahre angesprochen, den die Aufführungen bilden, im Kleinen das Werk selbst, das in verschiedenen Formen das immer gleiche Prinzip abhandelt: die Fuge. Bachs Kunst der Fuge ist ein Werk, das nicht für eine bestimmte Besetzung geschrieben wurde – in diesem Zusammenhang erwähnte es der amerikanische Komponist John Cage sogar einmal in einem Vortrag als ein Beispiel für ein Werk der Musikgeschichte, in dem der Zufall eine Rolle spiele. Den Zufall in die Musik einzuführen ist ja das Verdienst, das gemeinhin John Cage zugeschrieben wird. Die Instrumentierung, die für die Aufführungen des Ensemble Montaigne verwendet werden soll, stammt vom Niederländischen Komponisten Jan van Vlijmen aus dem Jahr 2001. Sie legt in einer fast analytischen Weise die Struktur von Bachs Musik frei, wobei sie in den Variantinstrumenten der Bläser (Altflöte, Englischhorn, Bassklarinette) und der Besetzung des Streichquintetts mit nur einer Violine aber zwei Bratschen, das Register des Ensembles auffällig zur Tiefe hin verschiebt. Es entsteht ein Klang, der auf eigenartige Weise und ganz mit Mitteln der zeitgenössischen Musik an historische Instrumente erinnert – eine Meditation in Form eines Gedankenflugs in ferne Zeiten und einsame musikalische Höhen.

 

Julianna Wetzel Flöte | Peter Vögeli Oboe | Nicola Katz Klarinette | Patricia Pazos Pintor Fagott | Valentin François Trompete | Maja Kelava Posaune | David Sontòn Caflisch Violine | Markus Wieser Viola | Claudia Kienzler Viola | Felix Schüeli Violoncello | Kaspar Wirz Kontrabass | Selina Cuonz Harfe | Marek Wetzel Gitarre | Silke Lisko Mandoline | Andreas Brenner Leitung

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Kritik MIT GÄSTEN FÜR DEN GAST  – WOLFGANG RIHM CHIFFRE-ZYKLUS
Neue Luzerner Zeitung | 4. Juli 2015

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‘ANTHONY BRAXTON | ENSEMBLE MONTAIGNE (BAU4) 2013 | ROLAND DAHINDEN’

Die CD kann per Mail an info@ignm-zentralschweiz.ch für 20 CHF bestellt werden.

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KRITIK JÜRG SOLOTHURNMANN

ANTHONY BRAXTON/ROLAND DAHINDEN
Ensemble Montaigne (Bau 4) 2013
10 Musiker; Dahinden (cond)
LEO/leorecords.com

4 Sterne

Seine Palmares sind lang. Versiert ebenso mit Jazz wie moderner Klassik, war der Innerschweizer Posaunist und Komponist Roland Dahinden 1992-95 u.a. auch Anthony Braxtons Assistent und seither ein regelmässiger Musikerkollege. Von daher rührt seine intime Kenntnis der umfangreichen Arbeit und Tri-Axium-Philosophie Braxtons, deren jazziger Aspekt nur einen Bruchteil des ganzen Werks ausmacht. Parallel zu seinen eigenen Kompositionen und Projekten und manchmal zusammen mit seiner Partnerin Hildegard Kleeb vermittelt Dahinden auch kompetent die weitreichenden Ideen des Amerikaners. Mit dem neuen zehnköpfigen Ensemble Montaigne hat er die komplexen miteinander fusionierten „Compositions“ einstudiert, die auch eine Menge Improvisation – basiert auf Braxtons System der „language music“ – enthalten. In der 50minütigen  Konzertaufnahme im Bau 4 Altbüron durchdringen sich Ton und Geräusch total. Das Klangbild des Instrumentarium (5 Streicher, Flöte, Oboe, Klarinette, Fagott und Horn) und die Motorik wirken klassisch. Doch viele Aspekte von Free Jazz, Free Music und Neuer Musik vermischen sich ja bereits seit längerem. Dahinden dirigiert und ruft auch die bestimmten Improvisationsarten ab. Die fordernde Musik wirkt insgesamt gestenreich und vital, ist aber trotz ihrer Verwobenheit auch hörbar gegliedert und – wo notiert – vom Ensemble präzise umgesetzt. js

 

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